WARUM LÄSST GOTT DAS ZU?
(September 2009; G. Burkhard Wagner)
11.
September 2001: Durch die Anschläge vor 8 Jahren starben 3000 Menschen. Warum
lässt Gott so etwas zu? Liebe Gäste, unsere Tageszeitungen sind voll von
Katastrophen rund um den Globus. Immer wieder drängt sich da bei Christen
genauso wie bei religiös unmusikalischen Leuten die Frage auf: Warum lässt Gott
das zu? Am 1. September jährte sich der Beginn des 2. Weltkriegs zum 70. Mal. Bis
heute fragen Menschen: „Wo war der liebe Gott, als auf den Schlachtfeldern des
2. Weltkrieges unsere Väter und Großväter von Granaten zerfetzt wurden, obwohl
sie zu Gott schrien?“ Aber da sind auch die ganz persönlichen
Lebenskatastrophen. Kinder sterben nur wenige Stunden nach der Geburt. Kinder werden
sexuell missbraucht und leiden ihr Leben lang an den körperlichen und vor allem
psychischen Folgen. Die Krankheit Krebs sucht Menschen heim, die noch in der
Blüte ihres Lebens stehen. Tausende werden Jahr für Jahr dahingerafft. Das
sogenannte Genussmittel Alkohol macht aus Menschen körperliche und seelische
Wracks. Angehörige gehen durch jahrelanges Martyrium. Beziehungen brechen
auseinander. Warum lässt Gott das zu? Es ist eine der ältesten Fragen der
Menschheit. Wie kann man bei all dem Leid, mit dem wir konfrontiert werden,
noch an einen gütigen Gott glauben? Wird der Glaube an Gott dabei nicht zu
einem Wahnwitz?
Liebe
Gäste, wir wollen uns dieser Frage heute Abend einmal nähern. Und zwar aus
christlicher Sicht. Christen glauben immerhin an Gott. Also sollte man von
ihnen auch eine Antwort erwarten dürfen. Ich werde im folgenden versuchen, drei
Schneisen durch das Dickicht zu schlagen.
Schneise 1:
Warum lässt
Gott das zu? Für viele Menschen ist die Konsequenz aus dem ganzen Leid, dass Gott
letztlich wohl ein Hirngespinst sein muss. „Was ich in meinem Leben erlebt
habe, da kann es keinen Gott geben. Punktum.“
Und sollte
es doch einen solchen Gott geben, dann hat er es zumindest nicht verdient,
beachtet zu werden. Dann kann man ihn nur verachten und ignorieren. Wenn es
einen Gott gibt, der verantwortlich ist für all das Leid, dann ist er von uns
Menschen schuldig zu sprechen. Gott ist schuld an all dem Desaster! Und an
einen Verbrecher will keiner glauben.
Hinter
solchem Denken stecken Bilder, die Menschen sich von Gott machen. Da ist Gott
entweder einer, der als ein alter Opa mit grauen Haaren, tauben Ohren und fast
erblindet hinter den Wolken sitzt und machtlos den Katastrophen auf der Erde
zuschaut. Er würde vielleicht gerne etwas tun, aber er kann es nicht. Er ist
wie jemand, der mit zunehmendem Alter seinen Haushalt nicht mehr im Griff hat,
weil die grauen Zellen immer weniger werden und er den Überblick verloren hat.
ODER Gott
ist einer, dem die Menschen egal sind. Einfach egal. Du und ich sind ihm egal. Er
hat sich nach Wolkenkuckucksheim verzogen. Er hat kein Interesse an uns. Er hat
uns vergessen.
ODER aber er
ist ein skrupelloser und brutaler Willkürherrscher, dem es Spaß macht, die
Menschen zu quälen und leiden zu sehen. Dann hätten wir es mit einem
sadistischen Gott zu tun. Was für ein Gott!
Es gab
einmal einen ziemlich bekannten Pfarrer im Ruhrgebiet. Er hieß Wilhelm Busch.
Ein Namensvetter des berühmten Zeichners. Und dieser Pfarrer Busch erzählt in
einem seiner Bücher von einer Begebenheit[1].
Irgendwo in Essen auf einem freien Platz steht ein Mann auf einer Kiste und
prangert die Not dieser Welt an. Viele hören ihm zu. Auch Busch. Der Redner schreit
förmlich die Warum-Frage in Richtung Gott heraus. Wenn er dann eines Tages vor
Gott stünde, würde er es ihm knallhart an den Kopf werfen: „Du, Gott, tritt ab!
Weg mit dir! Hau ab!“ Und was macht Pfarrer Busch? Er schreit mit. „Ganz
richtig! Weg mit diesem Gott! Weg mit diesem Gott!“
Liebe
Gäste, als Christ kann ich in das Geschrei von Pfarrer Busch nur einstimmen.
Weg mit diesem Gott!! Weg mit diesen Göttern! Einen Gott, den wir uns so oder so vorstellen, den gibt es
nicht! Gott sei Dank! Einen Gott, der auf der Anklagebank sitzt und der von uns
Menschen aufgrund seiner vermeintlichen Schuld wie ein Verbrecher verurteilt
und in den Knast gesteckt wird, den gibt es erst recht nicht! Dieser Gott ist kein
Gott, sondern ein Weihnachtsmann, eine menschliche Erfindung!
Wie aber
sollen wir nun weitermachen mit unserer doch so drängenden Frage?
Deshalb Schneise 2:
Liebe
Gäste, die Bibel erzählt uns von der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Und
dieses Buch ist voll von dieser einen Wahrheit: Gott liebt uns! Gott liebt uns
Menschen. Gott liebt Dich und mich! Und das sollten wir festhalten! Aber nun
ist das so eine Sache mit der Liebe. Echte Liebe wartet auf Gegenliebe, auf
eine Antwort. Das ist ja klar. Stellen Sie sich vor, ein junger Mann offenbart
seiner Freundin, dass er sie liebt und sie sitzt schweigend vor ihm mit einem ausdruckslosen
Gesicht! Wenn der junge Mann diese junge Frau wirklich liebt, dann wird er sie
nicht zur Gegenliebe zwingen. Dann wird er weiter um sie werben. Es wäre ja
auch absurd, wenn er ihr jetzt die Pistole auf die Brust setzen würde und ihr
sagen würde: „Liebe mich endlich oder es knallt!“ Echte Liebe lässt Freiheit.
Echte Liebe lässt dem anderen Freiheit zur Gegenliebe. Sonst ist es keine
Liebe.
Und so tut
es Gott auch. Er liebt uns Menschen. Er liebt uns so sehr, dass er geduldig auf
eine Antwort von uns wartet. Gott zwingt niemanden, ihn zu lieben und nach
seinen Maßstäben zu leben. Gott lässt
uns Menschen die Freiheit. Das ist ganz wichtig! Gott lässt uns Menschen die Freiheit. Wer sich für ein Leben ohne
Gott und seine Maßstäbe entscheidet, den lässt Gott seine Wege gehen. Wir sind
nicht Gottes Marionetten Wir sind
verantwortlich für das, was wir tun. Und für das, was wir tun, kann Gott uns zur Rechenschaft ziehen. Ohne
Gott sind wir plötzlich unter uns mit unseren
Maßstäben. Dann sind wir allein in der Ellbogen-Geiz ist geil-Notlügen-ein
bisschen Betrug ist schon ok-leere Versprechen-Gesellschaft. Wenn Gott keine
Rolle mehr in unserem Leben spielt, dann sind wir auf uns selbst gestellt. Dann
gibt es eigentlich nur noch eines: Rette sich, wer kann! Die alten Römer haben
das schon gewusst, wenn sie gesagt haben: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf!
Der deutsche Bundespräsident Karl Carstens hat es einmal auf den Punkt
gebracht: „Die Ursache allen Übels auf unserer Erde ist der Abfall des Menschen
von Gott.“[2] Merken
Sie etwas? Auf einmal dreht sich der Wetterhahn und wir Menschen bekommen
Gegenwind. Und zwar nicht gering! Unser kleines Anspiel hat ja schon humorvoll
darauf hingewiesen. Viel Elend und Leid auf der Welt sind menschengemacht! Menschen sind verantwortlich dafür,
dass aus der Entdeckung der Kernspaltung die Atombombe wurde. Menschen sind dafür verantwortlich,
dass in der Dritten Welt der Hunger regiert, weil die Reichen nicht bereit
sind, von ihrem Reichtum abzugeben. Menschen
sind dafür verantwortlich, dass Millionen auf Schlachtfeldern den Tod fanden.
Die Verantwortlichkeit des Menschen gilt im großen wie im kleinen. Hier können
wir nicht mehr sagen: Gott ist schuld! Und ihn anklagen. Nein. Wir Menschen sind schuld an dem Desaster!
Die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ darf uns also nicht dazu verleiten, die
Verantwortung abzugeben. Wir Menschen sind an dieser Stelle manchmal eigenartig
widersprüchlich. Wenn es uns gut geht und wir Erfolge zu verbuchen haben, dann
klopfen wir uns auf die Schulter. „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die
Ernte ein“. Wenn unser Leben aber im Unglück versinkt, dann war plötzlich Gott
dran schuld. Obwohl Gott sonst keine Rolle spielt, hier bekommt er auf jeden
Fall eine zugeschustert: die des Sündenbocks. Warum kann Gott das zu lassen?
Nun werden
Sie sich vielleicht die Frage stellen: Was ist dann aber mit Leid, für das man
keinen Menschen verantwortlich machen kann? Warum hat Gott den Tsunami 2004
zugelassen, bei dem so viele Menschen umkamen?
Sie haben
Recht. Es gibt nicht für alles Leid auf der Welt eine Antwort. Es gibt Leid,
das sinnlos ist und das sinnlos bleibt. Auch Christen stehen vor manchem Rätsel
und stellen die Warum-Frage an Gott. Ich gehöre nicht zum Kreis der Geheimräte
Gottes, die Akteneinsicht bekommen in seine Pläne. Als wenn einer seine
Stasiakte lesen würde und ihm dann plötzlich die Augen aufgingen, weshalb ihm
in DDR-Zeiten dieses und jenes Unrecht geschehen ist. Auch Christen verstehen
Gott manchmal nicht. Auch Christen verstehen manchmal nicht, warum sie dieses
oder jenes Leiden ertragen müssen. Nein, damit Sie das nicht falsch verstehen,
Christsein ist keine Garantie für ein glückliches und sorgenfreies Leben von
der Wiege bis zur Bahre.
Die Frage,
die sich hier stellt, ist nun aber, wie wir mit diesem scheinbar so sinnlosen
Leid umgehen. Wie gehen wir persönlich um mit dem Schweren, mit dem
Unerträglichen, mit dem Schrecklichen, mit den Stationen unserer
Lebensgeschichte, die wir lieber ausradiert sehen würden. Denn da wird es doch
am drängendsten, wenn es um unser ganz eigenes Leben geht. Geben wir Gott den
Laufpass? Oder gibt es noch eine andere Möglichkeit?
Liebe
Gäste, es gibt noch eine andere Möglichkeit. Das ist die dritte und letzte Schneise. Gott hatte es satt, die Menschen
unter sich zu lassen. Er wollte Gemeinschaft mit ihnen. Auf Augenhöhe. Also
wurde er Mensch. In Jesus. Aus Liebe zu uns! Jesus wandte sich uns Menschen mit
unvergleichlicher Liebe zu. Er war gerade denen nahe, die schweres Leid zu
tragen hatten. Er nahm sich derer an, die von der Gesellschaft verstoßen waren.
Er berührte und heilte die unberührbaren Leprakranken. Er gab den
Hoffnungslosen neue Hoffnung. Er tröstete die Trostlosen. Er machte Blinde
sehend, Taube hörend, Lahme gehend. Er war gerade für diejenigen da, die mit
ihrem Leben fertig waren. An diesem Jesus können wir ablesen, wie Gott es mit
uns meint und wie er ist. Weil Jesus lebt, müssen wir nicht mehr allein bleiben
in dem ganzen Schrecklichen unseres Lebens. Wir müssen nicht mehr uns selbst
Mut antrinken und sagen „Ich schaff das schon!“. Plötzlich ist da Jesus, der
sich in unser Leiden einmischt, ob wir es nun verstehen oder nicht. Jesus ruft
Dir und mir heute zu: Kommt alle her zu
mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben!
Was für eine Einladung! Wir merken: Gott zwingt niemanden, aber er lädt ein. Er
lädt uns ein, mit unseren ganzen Belastungen, unseren Verletzungen und unseren
dunklen Erfahrungen zu ihm zu kommen. Er bietet uns dafür an, unser Inneres zur
Ruhe zu bringen. Er bietet uns neues Leben. Neue Hoffnung! Neue Perspektive!
Bei Jesus angekommen sind wir getröstet und getragen mitten im Leid! Bleib also
nicht allein mit Deiner Not! Schiebe nicht die Warum-Frage wie ein
unüberwindbares Abwehrschild vor Dir her! Anstatt Gott den Laufpass zu geben
und ihn aus dem Leben auszuklammern, geh zu ihm hin! Und ganz praktisch heißt
das: Fange an, mit diesem Jesus zu reden. Wir nennen das beten. Brösel ihm
Deine ganze Wut, Dein ganzes Unverständnis hin. Geh zu Menschen, die mit diesem
Jesus leben, die ihn kennen! Sprich mit ihnen über Deine Sorgen und Deine
Zweifel! Nimm Dir die Bibel zur Hand und entdecke darin, wie Gott es wirklich
mit uns Menschen meint.
Auch
Christen werden noch manchmal zu Gott schreien „Warum?!“, aber sie sind
gehalten, getragen mitten im Leid. Ein Zeugnis davon haben wir von Frau S. und ihrem Mann gehört. Das habe auch ich erlebt in den schweren Zeiten meines
Lebens, in denen ich kein Land mehr gesehen habe.
Ich lade
Sie also heute Abend ein: Geben Sie diesem Jesus eine Chance in Ihrem Leben und
schenken ihm Ihr Vertrauen. Das kann mit einem einfachen Gebet beginnen: Jesus,
ich weiß nicht ob es Dich überhaupt gibt. Ich habe so viel Schlimmes erlebt.
Eigentlich kann ich nicht glauben, dass Du gut bist und mich liebst. Aber wenn
es stimmt, was Du sagst, dann fang an, mich zu verändern und mir neue Hoffnung
und Perspektive zu geben. So kann es anfangen. Dieses Wort „Ich will euch
erquicken!“ ist keine leere Worthülse! Jesus hält, was er verspricht. Darauf
können Sie sich verlassen! AMEN
UNBEZAHLBAR - WAS IST EIN MENSCH WERT?
(November 2009, G. Burkhard Wagner)
[Aktion Geldschein: 5-Euro-Schein
hochhalten und fragen, wer ihn haben möchte; dann zerknittern und wieder
fragen, wer ihn haben möchte; dann zerknittert auf den Boden werfen und drauf
treten und fragen, wer ihn jetzt noch haben möchte
Die einen, die ihn bis zuletzt
haben möchten, sehen wohl weiterhin seinen wahren Wert; die anderen beurteilen
den Wert des Geldscheins nach seinem äußeren Erscheinungsbild.]
Ja, ihr lieben Leute, für diesen
Geldschein scheint es einfach zu sein: der ist immer seine 5 Euro wert, egal,
wie er aussieht. Egal, ob er zerknittert, dreckig oder beschmiert ist. Doch was
machen wir, wenn wir den Wert eines Menschen bestimmen sollen? Kann man das
auch so einfach bestimmen wie einen solchen Geldschein? Was ist ein Mensch
wert? Wir haben in unserem kleinen Anspiel schon gesehen, dass es wohl immer
auf die Perspektive ankommt. Je nach dem kann es da zu ganz unterschiedlichen
Ergebnissen kommen. Die Wertspanne kann da ziemlich groß sein. Reicht es also,
einfach nur Mensch zu sein, um einen
bestimmten Wert zu haben?
Ich möchte versuchen, mit Ihnen
heute Abend ein wenig darüber nachzudenken. Was ist ein Mensch wert?
Eine Frau schaute sich unser
Plakat an und meinte spontan: „Was ist ein Mensch wert? – Gar nix!“ Im Blick
auf unser menschliches Miteinander scheint diese Frau Recht zu haben. Heute ist
doch oft nur der etwas wert, der etwas leisten kann. Leistungsgesellschaft
nennt man das. Wer auf der Arbeit die Norm erreicht oder noch darüber hinaus
Topleistungen erbringt, der ist sein Geld wert. So sagt man dann. Wer schon
Jahre arbeitslos ist und keine Leistung mehr erbringt, der gehört aufs
Abstellgleis. Der ist in den Augen der Gesellschaft nichts mehr wert. Und mit
Mitte 50 noch eine anständige Arbeit zu bekommen, das ist heute oft ziemlich
schwer. Man nimmt eben doch lieber die Jungen, die Dynamischen, die vor Kraft
Strotzenden. Die sind was wert, weil sie Geld in die Kassen spülen.
Oft wird einem auch vorgegaukelt,
dass nur der etwas wert sei, der sich
etwas leisten kann. Derjenige, der es geschafft hat, das große Geld zu
verdienen. Der ist etwas wert. Haste was, dann biste was. Denn ohne Moos nix
los.
Nun lassen Sie uns einmal den
Blick auf uns selbst richten. Wie sieht das ganze bei uns aus? Wie bewerte ich Menschen?
Da geschieht manchmal Ablehnung
von Menschen, die nicht so sind, wie es unseren Vorstellungen entspricht. Wir
haben manchmal eine Ekelgrenze. Was jenseits dieser Grenze liegt, davon wenden
wir uns mit Abscheu ab. Da sind Menschen, die mit ihrem Leben nicht mehr klar
kommen und in chaotischen Verhältnissen leben. Menschen, die dem Alkohol
verfallen sind und mit ihren Bierflaschen vor den Supermärkten stehen. Solche
Menschen stehen ganz am Rand. Auf die schauen wir herab. Die haben unser
Ansehen verloren. Die kriegen von uns den Stempel: WERTLOS, weil nutzlos!
Nun kann das alles aber auch mit
mir passieren. Es kann passieren, dass mich niemand mehr beachtet. Es kann
passieren, dass ich irgendwie niemandem mehr so richtig wichtig bin. Man
begegnet mir vielleicht noch freundlich – nach außen hin. Aber hinter dem
Rücken wird geredet: „Was das für einer ist...“ Es kann passieren, dass keiner
mehr nach mir fragt, ich für niemanden mehr interessant bin. Dann gibt es für
viele nur noch einen Ausweg: Rückzug ins Wohnzimmer und Fernseher an. Rückzug
aus der Gemeinschaft. Obwohl ich mitten unter Menschen bin, bin ich doch
allein. Was bin ich noch wert, wenn keiner mehr nach mir fragt? Was bin ich
noch wert, wenn sich niemand mehr für mich interessiert, außer die Telekom, die
Wohnungsgesellschaft oder der Stromanbieter? Was bin ich noch wert, wenn ich
selbst beim Arbeitsamt nur noch eine Nummer bin und ich nur noch danach
beurteilt werde, ob ich einen Führerschein habe und mindestens 10 Stunden am
Tag zu arbeiten in der Lage bin? Was, wenn statt menschlicher Zuwendung und
Wärme mir nur noch der eiskalte Wind der Verachtung und Bedeutungslosigkeit ins
Gesicht bläst? Wenn ich merke, dass Menschen aus meiner Umgebung mir nur noch
die kalte Schulter zeigen, weil ich ihren Ansprüchen und Vorstellungen nicht
genüge?
Viele Fußballfans und
Sympathisanten wird es dieser Tage kalt den Rücken hinunter gelaufen sein.
Robert Enke, gefeierte Nummer 1 um deutschen Tor, wirft sich vor einen Zug und
ist tot. Von tausenden geliebt und umschwärmt. Aber innerlich vereinsamt und
von Versagensängsten geplagt. Und dieser Weg ist leider für so manchen der
letzte Ausweg. Ich kann nicht mehr, ich bin nichts, warum sollte ich noch
weiterleben? Die Kollegen von Robert Enke haben einen gemeinsamen
Abschiedsbrief formuliert. Bei ZDFonline konnte man folgende Zeilen lesen: „Warum
ist es in unserem Leistungssport, in unserer Leistungsgesellschaft nicht
möglich, Angst und Krankheit auszusprechen? Es ist für uns alle ein
schmerzhafter Gedanke, dass Du Dich einsam und allein gefühlt haben musst, auch
wenn Du mit uns zusammen warst. Dass Du so oft das Gefühl gehabt haben musst,
viel mehr verlieren zu können als nur ein Fußballspiel.“[1]
Ihr lieben Leute, ich glaube, das
sind die Fragen, die manchen wirklich unter den Nägeln brennen. Denn genau das
ist es doch: Wir könnten hier trefflich über unsere Gesellschaft diskutieren. Wir
könnten Theorien aufstellen über die gesellschaftlichen Gründe, warum man heute
so schnell als wertlos abgestempelt wird. Wir könnten darüber reden, dass es
nach der Wende auch vielfach mit Menschen bergab gegangen ist und dass dafür
der Kapitalismus verantwortlich ist, das System. Aber bei dem allen ist es umso
wichtiger, den Blick einmal auf uns ganz persönlich zu richten. Denn da wird es
interessant. Vielleicht wurde jeder schon einmal mit dieser Frage nach dem Wert
konfrontiert oder wird es gerade. Dann wird es tatsächlich persönlich. Und dann
geht es darum, dass ich eine Antwort auf diese Frage finde. Was bin ich wert? Wem bin ich etwas wert?
In der Bibel finden wir eine
kleine Geschichte, die ein wenig Licht auf unsere Frage wirft. Wir sehen Jesus
inmitten einer Runde rauer Männer sitzen. Sie unterhalten sich angeregt. Unter
ihnen sind vor allem Zollbeamte. Die waren damals von allen gehasst. Sie
beuteten die Leute aus und verdienten sich in die eigene Tasche. Keiner wollte
mit denen zu tun haben. Mit solch einem „Pack“ sitzt Jesus zusammen. Er ißt mit
ihnen. Hat Gemeinschaft mit ihnen. Ein paar auffällig gekleidete Männer haben
sich unter diese Meute gemischt und tuscheln miteinander. Es sind die Frommen.
Sie gehören zur gelehrten und religiösen Elite. Es sind die, die Woche für
Woche in den Kirchen der Juden die Bibel auslegen. Keiner glaubt besser und
inniger an Gott als sie. Meinen sie zumindest. Diese frömmsten der Frommen
empören sich über Jesus: „Wie kann der nur mit diesem Gesindel zusammensein?!
Auch noch mit ihnen essen? Das ist ja das letzte!“
Plötzlich wird es still im Raum.
Jesus hat ihr Getuschel mitbekommen und fängt an, mit den frommen Herren zu
reden. Er erzählt ihnen eine Beispielgeschichte.
Eine Frau hat zehn Silberstücke.
Ein Silberstück entsprach damals in etwa dem Tagelohn eines arbeitenden Mannes.
Eines dieser Silberstücke macht sich selbstständig. Nicht mehr da! Verloren.
Die Frau ist zunächst ratlos. Aber nicht lange. Denn bald macht sie sich daran,
ihr gesamtes Haus umzukrempeln – vom Keller bis unters Dach. Sie fegt das ganze
Haus und hofft, dass sich in dem Kehricht irgendwo die Münze findet. Jede Ecke
des Hauses wird genauestens untersucht. Die Frau unternimmt große
Anstrengungen, um diese eine verlorene Münze zu finden, die ihr so viel wert
ist. Und tatsächlich: Ihre Suche lohnt sich. Sie findet das Geldstück. Nun
erzählt Jesus etwas verblüffendes. Diese Frau will ihre Freude über ihr
gefundenes Geldstück nicht für sich behalten. Sondern sie lädt ihre
Nachbarinnen und Freundinnen ein, um sich mit ihr zu freuen.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt,
was diese kleine Geschichte mit unserem Thema zu tun hat. Nun, Jesus erzählt
diese Geschichte nicht, um seinen Zuhörern mal zu zeigen, was passieren kann,
wenn man eine unordentliche Hausfrau im Hause hat.
Jesus will damit vielmehr etwas
verdeutlichen. Dieser Frau war diese eine Münze so wichtig und wertvoll, dass
sie nicht zu suchen aufhörte, bis sie sie fand. Sie hätte die Münze auch nicht
suchen müssen. Ein Tag Arbeit und das Geld wäre wieder rein gewesen.
Stattdessen stellt sie das Haus auf den Kopf und sucht. Weil ihr etwas für sie
sehr wertvolles verlorengegangen ist.
Jesus vergleicht in dieser
Geschichte uns Menschen mit dieser verlorengegangenen Münze. Als ein wertvolles
Geldstück, das in eine staubige Ecke, unters Sofa oder hinter den Schrank
gefallen ist. Dorthin, wo keiner gerne hinschaut. Vergessen von anderen. Im
Schatten derer, die das Leben meistern. Die Frage nach dem eigenen Wert drückt
schwer.
Für diejenigen, die das schon
einmal so oder so ähnlich erlebt haben, eröffnet Jesus mit diesem Beispiel eine
ganz neue Perspektive. Ja, wie ich eingangs schon sagte, es kommt auf die
Perspektive an. Und in dieser kleinen Erzählung lernen wir die Perspektive
kennen, die Gott hat. Da ist einer, dem Du nicht egal bist. Da ist einer, der
in Dir den Wert sieht, den Du hast. Ganz gleich, ob Du an Jesus glaubst oder
nicht. Ganz gleich, ob Du gesellschaftlich anerkannt bist oder nicht. Ganz
gleich, ob Du Dein Leben im Griff hast oder nicht. Wenn Menschen uns keines
Blickes mehr würdigen, dann verlieren wir Ansehen. Wer nicht mehr angesehen
wird, dem fehlt das Ansehen. Aber Gott macht es anders: Er hält nach uns
Ausschau. Er sieht uns mit liebevollen Augen an. Dadurch gewinnen wir Ansehen
bei Gott. Bei ihm steht unser Wert völlig außer Frage. Und dieser Wert ist
hoch! Eine junge Frau hat mir einmal folgendes erzählt: „Weißt Du“, sagte sie,
„als Jugendliche war ich total schüchtern und hatte eigentlich gar kein
richtiges Selbstwertgefühl. Aber seitdem ich Jesus kenne und an ihn glaube, bin
ich anders geworden. Ich kann mich wieder selbst annehmen.“ Das geschieht, wenn
man entdeckt, dass man bei Gott einen unglaublich großen Wert hat.
Doch wenn ich hier aufhören
würde, würde ich Ihnen etwas wichtiges vorenthalten. Die Frau in unserer
kleinen Geschichte sucht ja die Münze, bis sie sie gefunden hat. Und das tut
auch Gott. Wenn die Sache mit dem Glauben an Gott Dir bisher wie böhmische
Dörfer vorkamen, dann möchte ich Dir heute eines sagen: Gott ist auf der Suche
nach Dir. Weil Du ihm wertvoll bist. Gott ist auf der Suche nach Dir. Weil Du
ihm wertvoll bist. Er übersieht Dich nicht, er wendet sich nicht ab, wie es
Menschen manchmal machen. Er sieht Dich an. Bei ihm hast Du Ansehen. Gott ist
einer, dem Du gerade noch gefehlt hast. Einer, der sich nach Dir sehnt. Der
sich nach Gemeinschaft mit Dir sehnt. Jesus hat das vorgemacht. Er hat
Gemeinschaft mit denen gehabt, mit denen keiner etwas zu tun haben wollte. Er
hat Gemeinschaft gehabt mit denen, auf die andere nur herabgesehen haben. Das
sehen wir an unserer kleinen Vorgeschichte. Gott sorgt sich darum, dass Du gefunden
wirst. Gott ist sich nicht zu schade, alles dranzusetzen, um seine Suchaktion
zum Erfolg zu bringen. Und seine Suchaktion hat einen Namen: Jesus. Gott ist in
Jesus Mensch geworden. Er ist Mensch geworden, weil ihm seine Menschen so
unendlich wertvoll sind. Und Gottes Suchaktion ist nicht abgeschlossen. Jesus
ruft heute wie damals Menschen in seine Gemeinschaft. Er ruft Dich. Er möchte
Gemeinschaft mit Dir, weil Du ihm wertvoll bist. Er freut sich auf Dich. Ich
lade Dich ein: Lass Dich von ihm finden! Versteck Dich nicht länger vor ihm!
Wie das geht? Fang einfach an, mit Jesus zu reden. Christen nennen das beten.
Brösel ihm alles hin, was Dich bewegt. Und dann entdecke, wie dieser Jesus Dein
Leben Schritt für Schritt verändert und Dir den Wert zurückgibt, nach dem Du in
Deinem Leben gesucht hast.
Als die Frau in unserer
Geschichte die Münze wiedergefunden hat, lädt sie ihre Nachbarinnen und
Freundinnen ein. Sie sollen sich mit ihr freuen. Party ist angesagt. Und das
soll mein Schlusswort sein. Wenn sich Menschen von Jesus finden lassen und mit
ihm ein neues Leben beginnen, dann ist Party bei Gott! Dann wackeln bei Gott
die Kronleuchter vor Freude! Dann beginnt ein neues Leben!
AMEN
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