Dienstag, 11. Dezember 2012

Predigten beim "Gottesdienst - mal ganz anders" (2009)



WARUM LÄSST GOTT DAS ZU?
(September 2009; G. Burkhard Wagner)
11. September 2001: Durch die Anschläge vor 8 Jahren starben 3000 Menschen. Warum lässt Gott so etwas zu? Liebe Gäste, unsere Tageszeitungen sind voll von Katastrophen rund um den Globus. Immer wieder drängt sich da bei Christen genauso wie bei religiös unmusikalischen Leuten die Frage auf: Warum lässt Gott das zu? Am 1. September jährte sich der Beginn des 2. Weltkriegs zum 70. Mal. Bis heute fragen Menschen: „Wo war der liebe Gott, als auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges unsere Väter und Großväter von Granaten zerfetzt wurden, obwohl sie zu Gott schrien?“ Aber da sind auch die ganz persönlichen Lebenskatastrophen. Kinder sterben nur wenige Stunden nach der Geburt. Kinder werden sexuell missbraucht und leiden ihr Leben lang an den körperlichen und vor allem psychischen Folgen. Die Krankheit Krebs sucht Menschen heim, die noch in der Blüte ihres Lebens stehen. Tausende werden Jahr für Jahr dahingerafft. Das sogenannte Genussmittel Alkohol macht aus Menschen körperliche und seelische Wracks. Angehörige gehen durch jahrelanges Martyrium. Beziehungen brechen auseinander. Warum lässt Gott das zu? Es ist eine der ältesten Fragen der Menschheit. Wie kann man bei all dem Leid, mit dem wir konfrontiert werden, noch an einen gütigen Gott glauben? Wird der Glaube an Gott dabei nicht zu einem Wahnwitz?

Liebe Gäste, wir wollen uns dieser Frage heute Abend einmal nähern. Und zwar aus christlicher Sicht. Christen glauben immerhin an Gott. Also sollte man von ihnen auch eine Antwort erwarten dürfen. Ich werde im folgenden versuchen, drei Schneisen durch das Dickicht zu schlagen.



Schneise 1:

Warum lässt Gott das zu? Für viele Menschen ist die Konsequenz aus dem ganzen Leid, dass Gott letztlich wohl ein Hirngespinst sein muss. „Was ich in meinem Leben erlebt habe, da kann es keinen Gott geben. Punktum.“

Und sollte es doch einen solchen Gott geben, dann hat er es zumindest nicht verdient, beachtet zu werden. Dann kann man ihn nur verachten und ignorieren. Wenn es einen Gott gibt, der verantwortlich ist für all das Leid, dann ist er von uns Menschen schuldig zu sprechen. Gott ist schuld an all dem Desaster! Und an einen Verbrecher will keiner glauben.

Hinter solchem Denken stecken Bilder, die Menschen sich von Gott machen. Da ist Gott entweder einer, der als ein alter Opa mit grauen Haaren, tauben Ohren und fast erblindet hinter den Wolken sitzt und machtlos den Katastrophen auf der Erde zuschaut. Er würde vielleicht gerne etwas tun, aber er kann es nicht. Er ist wie jemand, der mit zunehmendem Alter seinen Haushalt nicht mehr im Griff hat, weil die grauen Zellen immer weniger werden und er den Überblick verloren hat.

ODER Gott ist einer, dem die Menschen egal sind. Einfach egal. Du und ich sind ihm egal. Er hat sich nach Wolkenkuckucksheim verzogen. Er hat kein Interesse an uns. Er hat uns vergessen.

ODER aber er ist ein skrupelloser und brutaler Willkürherrscher, dem es Spaß macht, die Menschen zu quälen und leiden zu sehen. Dann hätten wir es mit einem sadistischen Gott zu tun. Was für ein Gott!

Es gab einmal einen ziemlich bekannten Pfarrer im Ruhrgebiet. Er hieß Wilhelm Busch. Ein Namensvetter des berühmten Zeichners. Und dieser Pfarrer Busch erzählt in einem seiner Bücher von einer Begebenheit[1]. Irgendwo in Essen auf einem freien Platz steht ein Mann auf einer Kiste und prangert die Not dieser Welt an. Viele hören ihm zu. Auch Busch. Der Redner schreit förmlich die Warum-Frage in Richtung Gott heraus. Wenn er dann eines Tages vor Gott stünde, würde er es ihm knallhart an den Kopf werfen: „Du, Gott, tritt ab! Weg mit dir! Hau ab!“ Und was macht Pfarrer Busch? Er schreit mit. „Ganz richtig! Weg mit diesem Gott! Weg mit diesem Gott!“

Liebe Gäste, als Christ kann ich in das Geschrei von Pfarrer Busch nur einstimmen. Weg mit diesem Gott!! Weg mit diesen Göttern! Einen Gott, den wir uns so oder so vorstellen, den gibt es nicht! Gott sei Dank! Einen Gott, der auf der Anklagebank sitzt und der von uns Menschen aufgrund seiner vermeintlichen Schuld wie ein Verbrecher verurteilt und in den Knast gesteckt wird, den gibt es erst recht nicht! Dieser Gott ist kein Gott, sondern ein Weihnachtsmann, eine menschliche Erfindung!

Wie aber sollen wir nun weitermachen mit unserer doch so drängenden Frage?



Deshalb Schneise 2:

Liebe Gäste, die Bibel erzählt uns von der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Und dieses Buch ist voll von dieser einen Wahrheit: Gott liebt uns! Gott liebt uns Menschen. Gott liebt Dich und mich! Und das sollten wir festhalten! Aber nun ist das so eine Sache mit der Liebe. Echte Liebe wartet auf Gegenliebe, auf eine Antwort. Das ist ja klar. Stellen Sie sich vor, ein junger Mann offenbart seiner Freundin, dass er sie liebt und sie sitzt schweigend vor ihm mit einem ausdruckslosen Gesicht! Wenn der junge Mann diese junge Frau wirklich liebt, dann wird er sie nicht zur Gegenliebe zwingen. Dann wird er weiter um sie werben. Es wäre ja auch absurd, wenn er ihr jetzt die Pistole auf die Brust setzen würde und ihr sagen würde: „Liebe mich endlich oder es knallt!“ Echte Liebe lässt Freiheit. Echte Liebe lässt dem anderen Freiheit zur Gegenliebe. Sonst ist es keine Liebe.

Und so tut es Gott auch. Er liebt uns Menschen. Er liebt uns so sehr, dass er geduldig auf eine Antwort von uns wartet. Gott zwingt niemanden, ihn zu lieben und nach seinen Maßstäben zu leben. Gott lässt uns Menschen die Freiheit. Das ist ganz wichtig! Gott lässt uns Menschen die Freiheit. Wer sich für ein Leben ohne Gott und seine Maßstäbe entscheidet, den lässt Gott seine Wege gehen. Wir sind nicht Gottes Marionetten Wir sind verantwortlich für das, was wir tun. Und für das, was wir tun, kann Gott uns zur Rechenschaft ziehen. Ohne Gott sind wir plötzlich unter uns mit unseren Maßstäben. Dann sind wir allein in der Ellbogen-Geiz ist geil-Notlügen-ein bisschen Betrug ist schon ok-leere Versprechen-Gesellschaft. Wenn Gott keine Rolle mehr in unserem Leben spielt, dann sind wir auf uns selbst gestellt. Dann gibt es eigentlich nur noch eines: Rette sich, wer kann! Die alten Römer haben das schon gewusst, wenn sie gesagt haben: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf! Der deutsche Bundespräsident Karl Carstens hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Die Ursache allen Übels auf unserer Erde ist der Abfall des Menschen von Gott.“[2] Merken Sie etwas? Auf einmal dreht sich der Wetterhahn und wir Menschen bekommen Gegenwind. Und zwar nicht gering! Unser kleines Anspiel hat ja schon humorvoll darauf hingewiesen. Viel Elend und Leid auf der Welt sind menschengemacht! Menschen sind verantwortlich dafür, dass aus der Entdeckung der Kernspaltung die Atombombe wurde. Menschen sind dafür verantwortlich, dass in der Dritten Welt der Hunger regiert, weil die Reichen nicht bereit sind, von ihrem Reichtum abzugeben. Menschen sind dafür verantwortlich, dass Millionen auf Schlachtfeldern den Tod fanden. Die Verantwortlichkeit des Menschen gilt im großen wie im kleinen. Hier können wir nicht mehr sagen: Gott ist schuld! Und ihn anklagen. Nein. Wir Menschen sind schuld an dem Desaster! Die Frage „Warum lässt Gott das zu?“ darf uns also nicht dazu verleiten, die Verantwortung abzugeben. Wir Menschen sind an dieser Stelle manchmal eigenartig widersprüchlich. Wenn es uns gut geht und wir Erfolge zu verbuchen haben, dann klopfen wir uns auf die Schulter. „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“. Wenn unser Leben aber im Unglück versinkt, dann war plötzlich Gott dran schuld. Obwohl Gott sonst keine Rolle spielt, hier bekommt er auf jeden Fall eine zugeschustert: die des Sündenbocks. Warum kann Gott das zu lassen?



Nun werden Sie sich vielleicht die Frage stellen: Was ist dann aber mit Leid, für das man keinen Menschen verantwortlich machen kann? Warum hat Gott den Tsunami 2004 zugelassen, bei dem so viele Menschen umkamen?

Sie haben Recht. Es gibt nicht für alles Leid auf der Welt eine Antwort. Es gibt Leid, das sinnlos ist und das sinnlos bleibt. Auch Christen stehen vor manchem Rätsel und stellen die Warum-Frage an Gott. Ich gehöre nicht zum Kreis der Geheimräte Gottes, die Akteneinsicht bekommen in seine Pläne. Als wenn einer seine Stasiakte lesen würde und ihm dann plötzlich die Augen aufgingen, weshalb ihm in DDR-Zeiten dieses und jenes Unrecht geschehen ist. Auch Christen verstehen Gott manchmal nicht. Auch Christen verstehen manchmal nicht, warum sie dieses oder jenes Leiden ertragen müssen. Nein, damit Sie das nicht falsch verstehen, Christsein ist keine Garantie für ein glückliches und sorgenfreies Leben von der Wiege bis zur Bahre.

Die Frage, die sich hier stellt, ist nun aber, wie wir mit diesem scheinbar so sinnlosen Leid umgehen. Wie gehen wir persönlich um mit dem Schweren, mit dem Unerträglichen, mit dem Schrecklichen, mit den Stationen unserer Lebensgeschichte, die wir lieber ausradiert sehen würden. Denn da wird es doch am drängendsten, wenn es um unser ganz eigenes Leben geht. Geben wir Gott den Laufpass? Oder gibt es noch eine andere Möglichkeit?



Liebe Gäste, es gibt noch eine andere Möglichkeit. Das ist die dritte und letzte Schneise. Gott hatte es satt, die Menschen unter sich zu lassen. Er wollte Gemeinschaft mit ihnen. Auf Augenhöhe. Also wurde er Mensch. In Jesus. Aus Liebe zu uns! Jesus wandte sich uns Menschen mit unvergleichlicher Liebe zu. Er war gerade denen nahe, die schweres Leid zu tragen hatten. Er nahm sich derer an, die von der Gesellschaft verstoßen waren. Er berührte und heilte die unberührbaren Leprakranken. Er gab den Hoffnungslosen neue Hoffnung. Er tröstete die Trostlosen. Er machte Blinde sehend, Taube hörend, Lahme gehend. Er war gerade für diejenigen da, die mit ihrem Leben fertig waren. An diesem Jesus können wir ablesen, wie Gott es mit uns meint und wie er ist. Weil Jesus lebt, müssen wir nicht mehr allein bleiben in dem ganzen Schrecklichen unseres Lebens. Wir müssen nicht mehr uns selbst Mut antrinken und sagen „Ich schaff das schon!“. Plötzlich ist da Jesus, der sich in unser Leiden einmischt, ob wir es nun verstehen oder nicht. Jesus ruft Dir und mir heute zu: Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben! Was für eine Einladung! Wir merken: Gott zwingt niemanden, aber er lädt ein. Er lädt uns ein, mit unseren ganzen Belastungen, unseren Verletzungen und unseren dunklen Erfahrungen zu ihm zu kommen. Er bietet uns dafür an, unser Inneres zur Ruhe zu bringen. Er bietet uns neues Leben. Neue Hoffnung! Neue Perspektive! Bei Jesus angekommen sind wir getröstet und getragen mitten im Leid! Bleib also nicht allein mit Deiner Not! Schiebe nicht die Warum-Frage wie ein unüberwindbares Abwehrschild vor Dir her! Anstatt Gott den Laufpass zu geben und ihn aus dem Leben auszuklammern, geh zu ihm hin! Und ganz praktisch heißt das: Fange an, mit diesem Jesus zu reden. Wir nennen das beten. Brösel ihm Deine ganze Wut, Dein ganzes Unverständnis hin. Geh zu Menschen, die mit diesem Jesus leben, die ihn kennen! Sprich mit ihnen über Deine Sorgen und Deine Zweifel! Nimm Dir die Bibel zur Hand und entdecke darin, wie Gott es wirklich mit uns Menschen meint.

Auch Christen werden noch manchmal zu Gott schreien „Warum?!“, aber sie sind gehalten, getragen mitten im Leid. Ein Zeugnis davon haben wir von Frau S. und ihrem Mann gehört. Das habe auch ich erlebt in den schweren Zeiten meines Lebens, in denen ich kein Land mehr gesehen habe.

Ich lade Sie also heute Abend ein: Geben Sie diesem Jesus eine Chance in Ihrem Leben und schenken ihm Ihr Vertrauen. Das kann mit einem einfachen Gebet beginnen: Jesus, ich weiß nicht ob es Dich überhaupt gibt. Ich habe so viel Schlimmes erlebt. Eigentlich kann ich nicht glauben, dass Du gut bist und mich liebst. Aber wenn es stimmt, was Du sagst, dann fang an, mich zu verändern und mir neue Hoffnung und Perspektive zu geben. So kann es anfangen. Dieses Wort „Ich will euch erquicken!“ ist keine leere Worthülse! Jesus hält, was er verspricht. Darauf können Sie sich verlassen! AMEN

UNBEZAHLBAR - WAS IST EIN MENSCH WERT?
(November 2009, G. Burkhard Wagner)


[Aktion Geldschein: 5-Euro-Schein hochhalten und fragen, wer ihn haben möchte; dann zerknittern und wieder fragen, wer ihn haben möchte; dann zerknittert auf den Boden werfen und drauf treten und fragen, wer ihn jetzt noch haben möchte

Die einen, die ihn bis zuletzt haben möchten, sehen wohl weiterhin seinen wahren Wert; die anderen beurteilen den Wert des Geldscheins nach seinem äußeren Erscheinungsbild.]

Ja, ihr lieben Leute, für diesen Geldschein scheint es einfach zu sein: der ist immer seine 5 Euro wert, egal, wie er aussieht. Egal, ob er zerknittert, dreckig oder beschmiert ist. Doch was machen wir, wenn wir den Wert eines Menschen bestimmen sollen? Kann man das auch so einfach bestimmen wie einen solchen Geldschein? Was ist ein Mensch wert? Wir haben in unserem kleinen Anspiel schon gesehen, dass es wohl immer auf die Perspektive ankommt. Je nach dem kann es da zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die Wertspanne kann da ziemlich groß sein. Reicht es also, einfach nur Mensch zu sein, um einen bestimmten Wert zu haben?
Ich möchte versuchen, mit Ihnen heute Abend ein wenig darüber nachzudenken. Was ist ein Mensch wert?
Eine Frau schaute sich unser Plakat an und meinte spontan: „Was ist ein Mensch wert? – Gar nix!“ Im Blick auf unser menschliches Miteinander scheint diese Frau Recht zu haben. Heute ist doch oft nur der etwas wert, der etwas leisten kann. Leistungsgesellschaft nennt man das. Wer auf der Arbeit die Norm erreicht oder noch darüber hinaus Topleistungen erbringt, der ist sein Geld wert. So sagt man dann. Wer schon Jahre arbeitslos ist und keine Leistung mehr erbringt, der gehört aufs Abstellgleis. Der ist in den Augen der Gesellschaft nichts mehr wert. Und mit Mitte 50 noch eine anständige Arbeit zu bekommen, das ist heute oft ziemlich schwer. Man nimmt eben doch lieber die Jungen, die Dynamischen, die vor Kraft Strotzenden. Die sind was wert, weil sie Geld in die Kassen spülen.
Oft wird einem auch vorgegaukelt, dass nur der etwas wert sei, der sich etwas leisten kann. Derjenige, der es geschafft hat, das große Geld zu verdienen. Der ist etwas wert. Haste was, dann biste was. Denn ohne Moos nix los.
Nun lassen Sie uns einmal den Blick auf uns selbst richten. Wie sieht das ganze bei uns aus? Wie bewerte ich Menschen?
Da geschieht manchmal Ablehnung von Menschen, die nicht so sind, wie es unseren Vorstellungen entspricht. Wir haben manchmal eine Ekelgrenze. Was jenseits dieser Grenze liegt, davon wenden wir uns mit Abscheu ab. Da sind Menschen, die mit ihrem Leben nicht mehr klar kommen und in chaotischen Verhältnissen leben. Menschen, die dem Alkohol verfallen sind und mit ihren Bierflaschen vor den Supermärkten stehen. Solche Menschen stehen ganz am Rand. Auf die schauen wir herab. Die haben unser Ansehen verloren. Die kriegen von uns den Stempel: WERTLOS, weil nutzlos!
Nun kann das alles aber auch mit mir passieren. Es kann passieren, dass mich niemand mehr beachtet. Es kann passieren, dass ich irgendwie niemandem mehr so richtig wichtig bin. Man begegnet mir vielleicht noch freundlich – nach außen hin. Aber hinter dem Rücken wird geredet: „Was das für einer ist...“ Es kann passieren, dass keiner mehr nach mir fragt, ich für niemanden mehr interessant bin. Dann gibt es für viele nur noch einen Ausweg: Rückzug ins Wohnzimmer und Fernseher an. Rückzug aus der Gemeinschaft. Obwohl ich mitten unter Menschen bin, bin ich doch allein. Was bin ich noch wert, wenn keiner mehr nach mir fragt? Was bin ich noch wert, wenn sich niemand mehr für mich interessiert, außer die Telekom, die Wohnungsgesellschaft oder der Stromanbieter? Was bin ich noch wert, wenn ich selbst beim Arbeitsamt nur noch eine Nummer bin und ich nur noch danach beurteilt werde, ob ich einen Führerschein habe und mindestens 10 Stunden am Tag zu arbeiten in der Lage bin? Was, wenn statt menschlicher Zuwendung und Wärme mir nur noch der eiskalte Wind der Verachtung und Bedeutungslosigkeit ins Gesicht bläst? Wenn ich merke, dass Menschen aus meiner Umgebung mir nur noch die kalte Schulter zeigen, weil ich ihren Ansprüchen und Vorstellungen nicht genüge?
Viele Fußballfans und Sympathisanten wird es dieser Tage kalt den Rücken hinunter gelaufen sein. Robert Enke, gefeierte Nummer 1 um deutschen Tor, wirft sich vor einen Zug und ist tot. Von tausenden geliebt und umschwärmt. Aber innerlich vereinsamt und von Versagensängsten geplagt. Und dieser Weg ist leider für so manchen der letzte Ausweg. Ich kann nicht mehr, ich bin nichts, warum sollte ich noch weiterleben? Die Kollegen von Robert Enke haben einen gemeinsamen Abschiedsbrief formuliert. Bei ZDFonline konnte man folgende Zeilen lesen: „Warum ist es in unserem Leistungssport, in unserer Leistungsgesellschaft nicht möglich, Angst und Krankheit auszusprechen? Es ist für uns alle ein schmerzhafter Gedanke, dass Du Dich einsam und allein gefühlt haben musst, auch wenn Du mit uns zusammen warst. Dass Du so oft das Gefühl gehabt haben musst, viel mehr verlieren zu können als nur ein Fußballspiel.“[1]
Ihr lieben Leute, ich glaube, das sind die Fragen, die manchen wirklich unter den Nägeln brennen. Denn genau das ist es doch: Wir könnten hier trefflich über unsere Gesellschaft diskutieren. Wir könnten Theorien aufstellen über die gesellschaftlichen Gründe, warum man heute so schnell als wertlos abgestempelt wird. Wir könnten darüber reden, dass es nach der Wende auch vielfach mit Menschen bergab gegangen ist und dass dafür der Kapitalismus verantwortlich ist, das System. Aber bei dem allen ist es umso wichtiger, den Blick einmal auf uns ganz persönlich zu richten. Denn da wird es interessant. Vielleicht wurde jeder schon einmal mit dieser Frage nach dem Wert konfrontiert oder wird es gerade. Dann wird es tatsächlich persönlich. Und dann geht es darum, dass ich eine Antwort auf diese Frage finde. Was bin ich wert? Wem bin ich etwas wert?
In der Bibel finden wir eine kleine Geschichte, die ein wenig Licht auf unsere Frage wirft. Wir sehen Jesus inmitten einer Runde rauer Männer sitzen. Sie unterhalten sich angeregt. Unter ihnen sind vor allem Zollbeamte. Die waren damals von allen gehasst. Sie beuteten die Leute aus und verdienten sich in die eigene Tasche. Keiner wollte mit denen zu tun haben. Mit solch einem „Pack“ sitzt Jesus zusammen. Er ißt mit ihnen. Hat Gemeinschaft mit ihnen. Ein paar auffällig gekleidete Männer haben sich unter diese Meute gemischt und tuscheln miteinander. Es sind die Frommen. Sie gehören zur gelehrten und religiösen Elite. Es sind die, die Woche für Woche in den Kirchen der Juden die Bibel auslegen. Keiner glaubt besser und inniger an Gott als sie. Meinen sie zumindest. Diese frömmsten der Frommen empören sich über Jesus: „Wie kann der nur mit diesem Gesindel zusammensein?! Auch noch mit ihnen essen? Das ist ja das letzte!“
Plötzlich wird es still im Raum. Jesus hat ihr Getuschel mitbekommen und fängt an, mit den frommen Herren zu reden. Er erzählt ihnen eine Beispielgeschichte.
Eine Frau hat zehn Silberstücke. Ein Silberstück entsprach damals in etwa dem Tagelohn eines arbeitenden Mannes. Eines dieser Silberstücke macht sich selbstständig. Nicht mehr da! Verloren. Die Frau ist zunächst ratlos. Aber nicht lange. Denn bald macht sie sich daran, ihr gesamtes Haus umzukrempeln – vom Keller bis unters Dach. Sie fegt das ganze Haus und hofft, dass sich in dem Kehricht irgendwo die Münze findet. Jede Ecke des Hauses wird genauestens untersucht. Die Frau unternimmt große Anstrengungen, um diese eine verlorene Münze zu finden, die ihr so viel wert ist. Und tatsächlich: Ihre Suche lohnt sich. Sie findet das Geldstück. Nun erzählt Jesus etwas verblüffendes. Diese Frau will ihre Freude über ihr gefundenes Geldstück nicht für sich behalten. Sondern sie lädt ihre Nachbarinnen und Freundinnen ein, um sich mit ihr zu freuen.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was diese kleine Geschichte mit unserem Thema zu tun hat. Nun, Jesus erzählt diese Geschichte nicht, um seinen Zuhörern mal zu zeigen, was passieren kann, wenn man eine unordentliche Hausfrau im Hause hat.
Jesus will damit vielmehr etwas verdeutlichen. Dieser Frau war diese eine Münze so wichtig und wertvoll, dass sie nicht zu suchen aufhörte, bis sie sie fand. Sie hätte die Münze auch nicht suchen müssen. Ein Tag Arbeit und das Geld wäre wieder rein gewesen. Stattdessen stellt sie das Haus auf den Kopf und sucht. Weil ihr etwas für sie sehr wertvolles verlorengegangen ist.
Jesus vergleicht in dieser Geschichte uns Menschen mit dieser verlorengegangenen Münze. Als ein wertvolles Geldstück, das in eine staubige Ecke, unters Sofa oder hinter den Schrank gefallen ist. Dorthin, wo keiner gerne hinschaut. Vergessen von anderen. Im Schatten derer, die das Leben meistern. Die Frage nach dem eigenen Wert drückt schwer.
Für diejenigen, die das schon einmal so oder so ähnlich erlebt haben, eröffnet Jesus mit diesem Beispiel eine ganz neue Perspektive. Ja, wie ich eingangs schon sagte, es kommt auf die Perspektive an. Und in dieser kleinen Erzählung lernen wir die Perspektive kennen, die Gott hat. Da ist einer, dem Du nicht egal bist. Da ist einer, der in Dir den Wert sieht, den Du hast. Ganz gleich, ob Du an Jesus glaubst oder nicht. Ganz gleich, ob Du gesellschaftlich anerkannt bist oder nicht. Ganz gleich, ob Du Dein Leben im Griff hast oder nicht. Wenn Menschen uns keines Blickes mehr würdigen, dann verlieren wir Ansehen. Wer nicht mehr angesehen wird, dem fehlt das Ansehen. Aber Gott macht es anders: Er hält nach uns Ausschau. Er sieht uns mit liebevollen Augen an. Dadurch gewinnen wir Ansehen bei Gott. Bei ihm steht unser Wert völlig außer Frage. Und dieser Wert ist hoch! Eine junge Frau hat mir einmal folgendes erzählt: „Weißt Du“, sagte sie, „als Jugendliche war ich total schüchtern und hatte eigentlich gar kein richtiges Selbstwertgefühl. Aber seitdem ich Jesus kenne und an ihn glaube, bin ich anders geworden. Ich kann mich wieder selbst annehmen.“ Das geschieht, wenn man entdeckt, dass man bei Gott einen unglaublich großen Wert hat.
Doch wenn ich hier aufhören würde, würde ich Ihnen etwas wichtiges vorenthalten. Die Frau in unserer kleinen Geschichte sucht ja die Münze, bis sie sie gefunden hat. Und das tut auch Gott. Wenn die Sache mit dem Glauben an Gott Dir bisher wie böhmische Dörfer vorkamen, dann möchte ich Dir heute eines sagen: Gott ist auf der Suche nach Dir. Weil Du ihm wertvoll bist. Gott ist auf der Suche nach Dir. Weil Du ihm wertvoll bist. Er übersieht Dich nicht, er wendet sich nicht ab, wie es Menschen manchmal machen. Er sieht Dich an. Bei ihm hast Du Ansehen. Gott ist einer, dem Du gerade noch gefehlt hast. Einer, der sich nach Dir sehnt. Der sich nach Gemeinschaft mit Dir sehnt. Jesus hat das vorgemacht. Er hat Gemeinschaft mit denen gehabt, mit denen keiner etwas zu tun haben wollte. Er hat Gemeinschaft gehabt mit denen, auf die andere nur herabgesehen haben. Das sehen wir an unserer kleinen Vorgeschichte. Gott sorgt sich darum, dass Du gefunden wirst. Gott ist sich nicht zu schade, alles dranzusetzen, um seine Suchaktion zum Erfolg zu bringen. Und seine Suchaktion hat einen Namen: Jesus. Gott ist in Jesus Mensch geworden. Er ist Mensch geworden, weil ihm seine Menschen so unendlich wertvoll sind. Und Gottes Suchaktion ist nicht abgeschlossen. Jesus ruft heute wie damals Menschen in seine Gemeinschaft. Er ruft Dich. Er möchte Gemeinschaft mit Dir, weil Du ihm wertvoll bist. Er freut sich auf Dich. Ich lade Dich ein: Lass Dich von ihm finden! Versteck Dich nicht länger vor ihm! Wie das geht? Fang einfach an, mit Jesus zu reden. Christen nennen das beten. Brösel ihm alles hin, was Dich bewegt. Und dann entdecke, wie dieser Jesus Dein Leben Schritt für Schritt verändert und Dir den Wert zurückgibt, nach dem Du in Deinem Leben gesucht hast.
Als die Frau in unserer Geschichte die Münze wiedergefunden hat, lädt sie ihre Nachbarinnen und Freundinnen ein. Sie sollen sich mit ihr freuen. Party ist angesagt. Und das soll mein Schlusswort sein. Wenn sich Menschen von Jesus finden lassen und mit ihm ein neues Leben beginnen, dann ist Party bei Gott! Dann wackeln bei Gott die Kronleuchter vor Freude! Dann beginnt ein neues Leben!
AMEN


[1] Aus dem Abschiedsbrief der Nationalmannschaft.
 



[1] Wilhelm Busch, Jesus unser Schicksal, 79
[2] Peter Hahne, Leid-Warum lässt Gott das zu?, 22

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